Spannungskopfschmerz

Früher verwendete Begriffe: Spannungskopfschmerz, Muskelkontraktionskopfschmerz, psychomyogener Kopfschmerz, stressabhängiger Kopfschmerz, gewöhnlicher Kopfschmerz, essentieller Kopfschmerz, idiopathischer und psychogener Kopfschmerz .

Der individuelle Leidensdruck der Betroffenen variiert beim Kopfschmerz vom Spannungstyp deutlich. Während die meisten Patienten ihre sporadischen Kopfschmerzen vom Spannungstyp entweder gar nicht oder höchstens im Nebensatz als „normale“ Kopfschmerzen erwähnen und auch keinerlei Therapie benötigen, beherrschen bei Patienten mit der chronischen Verlaufsform die pausenlosen Kopfschmerzen vom Spannungstyp nicht selten das ganze Leben.

Diagnose

Beim Kopfschmerz vom Spannungstyp werden anhand der Auftretenshäufigkeit von der IHS 2 Hauptformen unterschieden, eine episodische (<15 Tage/Monat)und eine chronische (≥15 Tage/Monat).

Episodischer Kopfschmerz vom Spannungstyp (diagnostische Kriterien IHS-2003)

– A. Wenigstens 10 Episoden, welche die Kriterien B‒D erfüllen und bei der sporadischen Form durchschnittlich an <1 Tag/Monat (<12 Tage/Jahr) auftreten bzw. bei der häufigen Form ≥1 Tag/Monat, aber <15 Tagen/Monat über mindestens 3 Monate (≥12 und <180 Tage/Jahr)

– B. Die Kopfschmerzdauer liegt zwischen 30 min und 7 Tagen

– C. Der Kopfschmerz weist mindestens 2 der folgenden 4 Charakteristika auf:

– Beidseitige Lokalisation

– Schmerzqualität drückend oder beengend, nicht pulsierend

– Leichte bis mittlere Schmerzintensität

– Keine Verstärkung durch körperliche Routineaktivitäten wie Gehen oder Treppensteigen

– D. Beide folgenden Punkte sind erfüllt:

– Keine Übelkeit oder Erbrechen (Appetitlosigkeit kann auftreten)

– Photophobie oder Phonophobie nicht, jedoch beides kann vorhanden sein

– E. Nicht auf eine andere Erkrankung zurückzuführen

Neben dem zeitlichen Verlauf erlaubt die IHS-Klassifikation weiter eine Differenzierung der oben genannten Hauptformen des Kopfschmerzes vom Spannungstyp in eine Form assoziiert mit perikranialer Schmerzempfindlichkeit (nachgewiesen durch manuelle Palpation) oder nicht assoziiert mit perikranialer Schmerzempfindlichkeit.

Epidemiologie

Der Kopfschmerz vom Spannungstyp ist der häufigste primäre Kopfschmerz überhaupt. Die Geschlechterverteilung ist ausgeglichen. Die Lebenszeitprävalenz der chronischen Form des Kopfschmerzes vom Spannungstyp liegt in Europa bei ca. 3%, die der episodischen Form bei 38‒77%.

Therapie

Die Therapie des Kopfschmerzes vom Spannungstyp ist entscheidend abhängig von der zeitlichen Verlaufsform. Während bei der episodischen Form meist die Akutbehandlung im Vordergrund steht, ist es bei der chronischen Form die nichtmedikamentöse und medikamentöse Prophylaxe.

Akuttherapie des Kopfschmerzes vom Spannungstyp

Die wenigen vorhandenen kontrollierten Studien belegen die empirische Wirksamkeit von Acetylsalicylsäure, Paracetamol und nichtsteroidalen Antiphlogistika. In jedem Fall ist die maximale Einnahmefrequenz dieser Analgetika jedoch auf 10 Tage/Monat begrenzt, da wie bei der Migräne ansonsten die Entstehung von Kopfschmerzen bei Substanzübergebrauch droht. Umso wichtiger sind Behandlungsalternativen zu den Analgetika. Hier hat sich der Einsatz von kutan im Bereich der schmerzhaften Kopfregionen aufgetragenem Pfefferminzöl (10%ige ethanolische Lösung von Oleum menthae piperitae) in kontrollierten Studien als effektiv erwiesen.

Medikamentöse Prophylaxe des Kopfschmerzes vom Spannungstyp

Die Möglichkeiten der medikamentösen Prophylaxe sind eingeschränkt und beruhen praktisch ausschließlich auf dem Einsatz von Antidepressiva. In erster Linie werden Trizyklika eingesetzt, wobei selbst innerhalb dieser Gruppe lediglich für das Amitriptylin ein überzeugender Wirknachweis in kontrollierten Studien vorliegt. Andere Antidepressiva, insbesondere die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, zeigten sich im direkten Studienvergleich dem Amitriptylin unterlegen. Versuche mit Muskelrelaxanzien wie Baclofen, Dantrolen oder Tizanidin waren unbefriedigend, sowohl aufgrund einer schlechten Wirksamkeit als auch wegen einer schlechten Verträglichkeit (zentrale Nebenwirkungen).

Nichtmedikamentöse Prophylaxe

Der nichtmedikamentösen Prophylaxe kommt beim Kopfschmerz vom Spannungstyp ein besonderer Stellenwert zu.

– Das Erlernen und die regelmäßige Durchführung der progressiven Muskelrelaxation nach Jacobson soll nicht nur eine allgemeine Entspannung erreichen, wie sie insbesondere bei Patienten mit anhaltendem muskulärem oder psychosozialem Stress angestrebt wird, sie soll auch die Möglichkeit einer konditionierten Entspannung unmittelbar in der Stresssituation ermöglichen.

– Das EMG-Biofeedback dient der Sichtbarmachung von Anspannungs- und Entspannungszuständen bei Patienten, die Schwierigkeiten haben, allein mit der progressiven Muskelrelaxation nach Jacobson ihren Muskeltonus zu kontrollieren.

– Ein Stressbewältigungstraining zielt darauf ab, Coping-Strategien zur Bewältigung von typischen Belastungssituationen im Alltag zu vermitteln.

– Gerade Patienten mit chronischen Kopfschmerzen vom Spannungstyp erleben ihr Leben häufig als eine ständige Überforderungssituation. Entwickelt sich auf diesem Boden eine depressive Störung, kann eine medikamentöse und/oder psychotherapeutische Behandlung erforderlich werden.

– Physikalische Maßnahmen wie lokale Wärmeanwendungen und Massagen sind meist nur kurzfristig wirksam, können aber bei geplagten Patienten eine wichtige vorübergehende Entlastung erbringen und haben dann durchaus ihren Stellenwert. Als im Einzelfall hilfreich hat sich auch die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) erwiesen.