Sonderformen der Migräne

Retinale Migräne

Beim Auftreten von Sehstörungen auf einem Auge während einer Migräneattacke spricht man von einer retinalen Migräne (Retina: Netzhaut der Augen). Wie sämtliche Formen der Migräne tritt auch die retinale Migräne anfallsartig auf. Die Sehstörungen können als Schlierenbilder, Zick-Zack-Linien oder auch als komplette Erblindung eines Auges auftreten. Für die Diagnose sind mindestens zwei entsprechende Anfälle erforderlich. Die retinale Migräne gehört zu den ausgesprochenen Raritäten. Man vermutet die Ursache in einer mangelnden Durchblutung der Netzhaut oder des Sehnerven. Ein permanenter Sehverlust aufgrund einer retinalen Migräne ist zwar bekannt, aber außergewöhnlich selten. Neben der Erfassung der typischen klinischen Merkmale muss eine sorgfältige augenärztliche und neurologische Untersuchung durchgeführt werden, um mögliche andere Störungen für einen einseitigen Sehverlust auszuloten. Zusätzlich sollte immer ein bildgebendes Verfahren, am besten in diesem Fall ein Magnetresonanztomogramm (MRT) des Gehirns und eine Ultraschalluntersuchung der Halsblutgefäße durchgeführt werden.

Die „chronische Migräne“

Der Begriff „chronische Migräne“ ist erst im Jahre 2003 von der internationalen Kopfschmerzklassifikation offiziell aufgenommen worden. Man bezeichnet damit Migräneattacken, die an mehr als an 15 Tagen pro Monat auftreten. Diese Häufigkeit der Attacken muss seit mindestens 3 Monaten bestehen. Vor dieser Zeit finden sich weniger häufig auftretende Attacken. Die Zunahme der Attackenfrequenz darf nicht auf eine sehr hohe Einnahmehäufigkeit von Migräne- und Schmerzmittel an mehr als an 10 Tagen pro Monat zurückzuführen sein. In diesem Fall nämlich wäre nicht von einem spontan hohen Attackenverlauf, sondern von einer medikamentös bedingten Attackensteigerung auszugehen. Tatsächlich gibt es Betroffene, die extrem häufig an Migräneattacken leiden – bis hin zu Migräneanfällen an 30 Tagen pro Monat.

Status migraenosus

Beim Status migränosus (migräneartiger Dauerzustand) handelt es sich wie bei der chronischen Migräne ebenfalls um eine Komplikation der Migräne. In diesem Fall dauert die Kopfschmerzphase trotz Behandlung länger als 72 Stunden, wobei diese von kopfschmerzfreien Zeiten von nicht mehr als vier Stunden (Schlafzeiten zählen nicht) unterbrochen sein darf. Ursache des Status migränosus ist in den meisten Fällen eine sehr häufige Einnahme von Migräne- und Schmerzmitteln an mehr als 10 Tagen pro Monat. Es kann jedoch auch ein zusätzlich bestehender Kopfschmerz vom Spannungstyp gewissermaßen den Hintergrund der Migräneattacke bilden. Vielfach finden sich auch beide Kopfschmerzformen gemeinsam, und eine häufige Medikamenteneinnahme an mehr als 10 Tagen pro Monat ist erforderlich. Die Attacken werden dann immer häufiger und länger, die Medikamente wirken nicht mehr ausreichend und die Zeitgrenze der einzelnen Migräneattacken von 72 Stunden wird überschritten.

Überdauernde Aura ohne Hirninfarkt

Eine weitere Komplikation der Migräne ist die „persistierende“, d.h. überdauernde Aura ohne Infarkt. Obwohl die neurologischen Ausfälle während der Auraphase länger als 2 Wochen bestehen, finden sich im Magnetresonanztomogramm (MRT) keine Hinweise für einen eingetretenden Hirninfarkt. Bei den betroffenen Patienten zeigen sich die Symtome meist beidseitig.

Der migränöse Infarkt

Während die Aurasymptome bei zurückliegenden Migräneattacken stets von selbst wieder verschwunden sind, sind sie beim migränösem Infarkt nach einer Woche immer noch nicht vollständig zurückgebildet. Damit die Diagnose „migränöser Infarkt“ gerechtfertigt ist, müssen andere mögliche Ursachen mittels geeigneter Untersuchungsmethoden (z.B. Magnetresonanztomographie) ausgeschlossen sein. Dabei lassen sich Hinweise für eine Gewebeschädigung des Gehirns, wie bei einem Schlaganfall, aufdecken. Der migränöse Infarkt kann besonders bei Menschen unterhalb 45 Jahren auftreten.

Durch Migräne ausgelöste epileptische Anfälle

Migräneattacken können nicht nur zu einem Schlaganfall führen, sondern auch epileptische Anfalle auslösen. Dabei treten Krampfanfälle innerhalb einer Stunde nach einem Migräneanfall auf.

Die „Herz-Migräne“ (kardiale Migräne)

Im Verlauf der Migräneattacken können Brustenge, Brustschmerzen sowie eine funktionelle Unterzuckerung (Hypoglykämie) auftreten. Zusätzlich verspüren die Patienten Ängstlichkeit und Herzklopfen. Wie bei anderen Durchblutungstörungen der Herzgefäße (Angina pectoris; Herzinfarkt) kann der Schmerz in den linken Arm ausstrahlen. Bis heute ist nicht geklärt, ob die kardiale Migräne möglicherweise durch eine Gefäßverkrampfung verursacht wird. Eine weitere mögliche Erklärung wäre, dass der Patient während einer Migräneattacke zu schnell atmet (hyperventiliert) und dadurch die Symptome auslöst. Der Begriff „kardiale Migräne“ ist nicht spezieller Bestandteil der internationalen Kopfschmerzklassifikation, die Symtome können bei allen unterschiedlichen Migräneformen auftreten.

Menstruelle Migräne

Die menstruelle Migräne ist eine besonders bunte Palette von migräneartigen Störungen. Was als „menstruelle Migräne“ bezeichnet werden soll, ist bis heute nicht klar beschrieben und hat deshalb auch noch keinen Weg in die internationale Kopfschmerzklassifikation gefunden. Manche Autoren meinen, dass eine menstruelle Migräne dann vorliegt, wenn die Migräneattacken nur während einer Menstruation ablaufen. Andere fordern eine bestimmte Anzahl oder Häufigkeit von Migräneattacken während der Menstruation. Abgegrenzt wird zusätzlich das so genannte „prämenstruelle Syndrom“. Der Anteil der betroffenen Frauen ist sehr hoch. Verschiedene Untersuchungen gehen davon aus, dass bis zu 20 Prozent oder sogar mehr Frauen entsprechende Störungen aufweisen. Die Symptome der menstruellen Migräne: Gereiztheit, Ängstlichkeit, Schlaflosigkeit, Hyperaktivität, Bauchschmerzen, Darmträgheit, Depressivität, Abgeschlagenheit.

Weitere migräneartige Störungen in Kurzform

Zyklisches Erbrechen und Gallenattacken

Unterbauchbeschwerden in Form von ausgeprägter schwerer Übelkeit, Erbrechen oder Gallenattacken. Besonderes Merkmal: Sie treten periodisch auf. Mögliche Begleitsymptome: Blässe, Schwitzen, Schüttelfrost. Diese migräneartige Störung wird häufig als Nahrungsmittelallergie, Darmgrippe, Gallenattacke oder Gallenblasenleiden verkannt.

Bauch-Migräne bei Kindern

Gerade bei Kindern sind wiederkehrende, in Perioden auftretende Bauchschmerzen, Blähungen und Bauchkrämpfe charakteristisch. Der Arzt bezeichnet solche Anfälle als „abdominelle Migräne“, d.h. „Bauch-Migräne“. Sie können bis zu einem halben Tag anhalten, dann wieder abklingen. Fast in jeder Schulklasse gibt es einige Kinder, die unter solchen Beschwerden leidern, die nach zwei bis drei Stunden wieder verschwunden sind. Begleitsymptome: Blässe, Schwindel, Übelkeit. Ungerechterweise wird den Kindern gelegentlich vorgeworfen, dass sie simulieren. Etwa 20 Prozent der Kinder, die „echte“ Migräneattacken haben, sind in der frühen Kindheit von solchen periodischen Bauchschmerzen, Darmkoliken, Durchfällen oder schmerzhaften Blähungen geplagt worden. Kennzeichnend für die Bauch-Migräne ist, dass sie nach der Pubertät nicht mehr auftaucht.

Gutartiger anfallsweiser Schwindel in der Kindheit

Die betroffenen Kinder klagen über plötzliche Schwindelanfälle, sie sind blass und bleich. Übelkeit kann zusätzlich auftreten.

Periodische Durchfälle

Oft treten die Durchfälle zu bestimmten Tages- oder Wochenzeiten auf – beispielsweise immer im Urlaub, immer am Wochenende, immer frühmorgens. Manche Menschen quälen sich mit solchen periodischen Durchfällen durch lange Phasen ihres Lebens, ohne dass ihnen bewusst ist, dass es sich hier um eine migräneartige Störung handelt.

Periodisches Fieber

Ein periodisch auftretendes Fieber darf nicht leichtfertig als migräneartige Störung diagnostiziert werden. Schließlich gibt es eine Reihe weiterer Erkrankungen, die ebenfalls durch periodisch auftretende Fieberanfälle gekennzeichnet sind (denken Sie nur an die Malaria). Es ist deshalb eine sehr sorgfältige Ursachenklärung durch verschiedene Fachdisziplinen nötig. Dennoch gibt es einige wenige Patienten, bei denen periodisches Fieber als migräneartige Störung angesehen werden muss.

Periodischer Schlaf

Die Patienten sind episodenhaft lethargisch, müde und haben ein überwältigendes Schlafbedürfnis.

Periodische Stimmungsschwankungen

Reizbarkeit, Angst, Depressivität und andere vergleichbare Störungen stehen bei periodischen Stimmungsschwankungen in Form von migräneartigen Störungen im Vordergrund. Charakteristikum ist auch hier die immer wiederkehrende phasenhafte Entstehung solcher Symptome. Abzugrenzen gegenüber einer Depression und anderen psychischen Erkrankungen sind solche Störungen allein schon durch die kurze Phasendauer von maximal zwei bis drei Tagen.