Ernährung

Von Alkohol bis Zitrusfrüchte

Nahrungsmittel werden nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch von Ärzten sehr häufig als potente Auslöser von Migräneattacken angesehen. Bei der Beurteilung, inwieweit Nahrungsmittel tatsächlich Triggerfaktoren darstellen, müssen wir aber sehr, sehr vorsichtig sein. Ich möchte hier keinesfalls den Eindruck erwecken, die Meinungen der Patienten nicht ernst zu nehmen. Das Gegenteil ist der Fall. Ich möchte Sie nur dafür sensibilisieren, dass sich hier leicht Vorurteile einschleichen, die dann obendrein sehr breit gestreut wieder auftauchen. Es ist nur verständlich, dass man bei einer so behindernden Erkrankung wie der Migräne jede einfache Erklärung gern glauben möchte. Doch leider ist die Migräne nicht so einfach. Versuchen Sie deshalb bitte – und das gilt im Grunde für alle Aspekte und Auslöser der Migräne – so objektiv wie möglich zu bleiben, wenn Ihnen jemand das Ei des Kolumbus erklären möchte.

Das Glas Sekt am Nachmittag

Etwa 20 Prozent aller Migränepatienten berichten, dass bei ihnen nahrungsbedingte Triggerfaktoren eine Rolle spielen, besonders häufig Alkohol. In der Regel gilt dies dann für alle alkoholischen Getränke. Einige wenige meinen, es seien nur bestimmte alkoholische Getränke, insbesondere Rotwein und Sekt.

Interessant daran ist, dass dabei oft nicht allein das alkoholische Getränk eine Rolle spielt, sondern auch und vor allem die Tageszeit, zu der es konsumiert wird. So gibt es Menschen, bei denen zum Beispiel Sekt nach 20 Uhr folgenlos bleibt, am frühen Nachmittag bei der Verabschiedung eines Arbeitskollegen hingegen mit nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit eine Migräneattacke auslöst.

Definitive Aussagen bisher unmöglich

Zur Zeit ist es nicht mit Sicherheit möglich, die Auslösung von Migräneattacken mit einem bestimmten Stoff in Verbindung zu bringen. Möglicherweise verhält es sich hier aber ähnlich wie bei der Auslösung von Migräneattacken durch Alkohol: Nicht das Nahrungsmittel allein, sondern Zeitpunkt und Art der Nahrungsmitteleinnahme müssen für die Auslösung von Migräneattacken verantwortlich gemacht werden.Die üblichen weiteren Verdächtigen

Für das sog. China-Restaurant-Syndrom wurde der Gewürzverstärker Glutamat verantwortlich gemacht. Allerdings wurde dazu mittlerweile eine kontrollierte Studie im Doppelblinddesign durchgeführt, die den bisher von Kopfschmerzforschern akzeptierten Auslöser Glutamat für das China-Restaurant-Syndrom nicht bestätigen konnte. Auch diese Tatsache zeigt noch einmal eingehend, wie vorsichtig man bei der Interpretation von Einzelfaktoren sein muss.

Kaffee: Ein kleiner Lichtblick

Ein Befund ist mittlerweile recht gut mit Studien untermauert: der Zusammenhang zwischen Koffein und Migräneattacken. So zeigte sich in einer doppelblinden, randomisierten Cross-over-Studie, dass bei Probanden, die normalerweise bis zu sechs Tassen Kaffee am Tag trinken, die Einnahme von dekoffeiniertem Kaffee tatsächlich mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für Migräneattacken einhergeht. Die Kopfschmerzen beginnen in der Regel am ersten Tag nach dem Weglassen des Koffeins und haben eine mittlere Dauer von zwei bis drei Tagen.

Doppelblinde, randomisierte Cross-over-Studien – was ist das eigentlich? Doppelblind bedeutet, dass weder der Untersucher, also derjenige, der zum Beispiel das Präparat verabreicht, noch die Testperson wissen, ob es sich um ein echtes Präparat oder ein wirkstofffreies Scheinpräparat (Placebo) handelt. So soll ausgeschlossen werden, dass der Untersucher die Testperson unbewusst beeinflusst. Randomisiert bedeutet, dass die Zuordnung zur jeweiligen Behandlung durch eine zufällige Auswahl der Testpersonen getroffen wird. Und der Begriff “Cross-over” meint, dass die Testpersonen nicht nur entweder Präparat A oder B erhalten, sondern in einem gewissen zeitlichen Abstand, beide Präparate nacheinander. Derartige Studien genießen unter Forschern einen hohen Stellenwert, schließen sie doch zahlreiche mögliche Fehlerquellen aus.